Preiskalkulation für Handmade: Fair, transparent & rentabel
10 Min. Lesezeit
HandmadeFamily Admin Team
Warum Kalkulation statt Bauchgefühl?
Viele Ausstellerinnen starten mit Preisen, die "sich richtig anfühlen" – und merken nach Monaten: Ich arbeite für unter Mindestlohn. Eine saubere Kalkulation schützt dich vor Burnout, sichert deine Existenz und gibt dir Selbstbewusstheit im Verkaufsgespräch.
„Seit ich meine Preise kenne, muss ich nicht mehr rechtfertigen. Ich kann sagen: Das kostet CHF 89, weil darin 2.5 Stunden Arbeit, CHF 18 Material und mein Lebensunterhalt stecken.”
Was passiert ohne Kalkulation?
- Unternachfrage:
Du zahlst drauf bei jedem Verkauf
- Kein Wachstum:
Kein Geld für neue Werkzeuge, Kurse, Altersvorsorge
- Marktverzerrung:
Dumping-Preise schaden der ganzen Handmade-Community
- Unsicherheit:
Du weisst nicht, ob ein Auftrag rentabel ist
Die 4-Säulen-Formel
Ein fairer Verkaufspreis setzt sich aus vier Bausteinen zusammen:
Materialkosten + Arbeitslohn + Overhead-Anteil + Gewinnmarge = Verkaufspreis (netto)
+ MWST (falls pflichtig) = Endpreis für Kund:innen
Variable Kosten (pro Stück)
Material (Rohstoffe, Verpackung, Etiketten)
Arbeitszeit × dein Stundenlohn
Versandkosten (falls nicht separat)
Transaktionsgebühren (Twint, PayPal, etc.)
Fixe Kosten (monatlich, auf Stücke umgelegt)
Atelier-Miete / Arbeitsplatzanteil
Strom, Wasser, Internet, Versicherungen
Werkzeug-Abschreibung, Software-Abos
Marketing, Webseite, Marktstand-Gebühren
Weiterbildung, Buchhaltung, Admin-Zeit
1. Materialkosten exakt erfassen
Erfasse jedes Material, das in das eine Stück fliesst – auch Klebstoff, Faden, Schleifpapier, Verpackung.
📋 Material-Checkliste pro Produkt
| Position | Einheit | Einzelkosten | Menge/Stück | Kosten/Stück |
|---|---|---|---|---|
| Silberdraht 1mm | Meter | CHF 12.50 | 0.3 m | CHF 3.75 |
| Edelstein (Cabochon) | Stück | CHF 8.00 | 1 | CHF 8.00 |
| Lötzinn & Flussmittel | Anteil | CHF 0.80 | 1 | CHF 0.80 |
| Schmuckkarton + Seidenpapier | Set | CHF 1.20 | 1 | CHF 1.20 |
| Versandkarton & Polsterung | Set | CHF 2.50 | 1 | CHF 2.50 |
| Summe Materialkosten | CHF 16.25 | |||
Tipp: Führe ein Material-Logbuch (Excel/Notizblock). Notiere Lieferanten, Preise, Mindestbestellmengen. So erkennst du Preissteigerungen früh und kannst verhandeln.
2. Arbeitszeit: Dein Stundenlohn
Der häufigste Fehler: Arbeitszeit nicht oder zu niedrig berechnen. Dein Stundenlohn muss deinen Lebensunterhalt decken – nicht "das, was der Markt zahlt".
🧮 Stundenlohn berechnen (Monatsbasis)
Gewünschtes Netto-Einkommen/Monat: CHF 4'500
+ Sozialversicherungen (ca. 22%): CHF 990
+ Altersvorsorge (Säule 3a, etc.): CHF 500
+ Betriebsausgaben Reserve: CHF 500
= Brutto-Monatsbedarf: CHF 6'490
÷ produktive Stunden/Monat (ca. 100h bei 50% Herstellungszeit):
CHF 65/h
„Nur weil du *kannst*, 20h an einem Stück zu arbeiten, heisst nicht, dass der Markt 20h bezahlt. Effizienz & Vorbereitung sind deine Freunde.”
Zeiterfassung: Einfach & ehrlich
Stoppuhr laufen lassen (Handy, Toggl, Excel)
Alles zählen: Design, Materialbeschaffung, Herstellung, Verpacken, Fotografieren, Listen, Verpacken, Postgang, Kundenkommunikation, Buchhaltung
Rüstzeiten einplanen (Arbeitsplatz einrichten, aufräumen)
Prototypen-Zeit auf Serie verteilen (z. B. 5h Design / 10 Stück = 0.5h/Stück)
3. Overhead: Die versteckten Kosten
Overhead sind Kosten, die nicht direkt einem Produkt zuordenbar sind, aber anfallen, damit du überhaupt arbeiten kannst.
Monatliche Fixkosten (Beispiel)
Atelier-Miete (Anteil): CHF 300
Strom/Wasser/Internet: CHF 80
Versicherungen (Haftpflicht, Inventar): CHF 60
Software (Buchhaltung, Design, Shop): CHF 40
Buchhaltung/Steuerberatung: CHF 100
Weiterbildung/Messen: CHF 100
- Summe: CHF 680/Monat
Auf Stück umlegen
Bei 30 verkauften Stück/Monat:
CHF 22.67 / Stück
Bei 10 Stück: CHF 68/Stück → zeigt: Volumen senkt Overhead-Anteil!
Faustregel: Mindestens 15–25% des Material+Arbeitslohn-Preises als Overhead-Pauschale dazurechnen, wenn du keine genaue Buchhaltung hast.
4. Gewinnmarge & Puffer
Gewinn ist nicht "Gier" – er ist Unternehmerlohn für Risiko, Ideen, Weiterentwicklung. Ohne Marge kein Wachstum, keine Rücklagen für trockene Phasen.
⚠️ Häufige Marge-Fehler
Marge auf *Material* statt auf *Gesamtkosten* rechnen
Rabatte geben, ohne Marge neu zu prüfen
"Freundschaftspreise" ohne klare Regelung
Aktionen (Black Friday) ohne Kostenkalkulation
Komplettes Rechenbeispiel: Silberring mit Edelstein
| Position | Betrag | Bemerkung |
|---|---|---|
| Materialkosten | CHF 16.25 | Silber, Stein, Verpackung, Versandmaterial |
| Arbeitszeit (1.5h × CHF 65) | CHF 97.50 | Design, Herstellung, Finish, Foto, Admin |
| Overhead-Pauschale (20% von oben) | CHF 22.75 | Atelier, Tools, Versicherung, Marketing |
| Selbstkosten (Basispreis) | CHF 136.50 | Unter diesem Preis zahlst du drauf! |
| Gewinnmarge (60% auf Selbstkosten) | CHF 81.90 | Unternehmerlohn, Wachstum, Reserve |
| Verkaufspreis netto | CHF 218.40 | |
| Verkaufspreis brutto (inkl. 8.1% MWST) | CHF 236.00 | Endpreis für Kund:innen (Kleinunternehmer: netto = brutto) |
Runden: Runde nur auf ganze Franken, weder von 194.- auf 200.-, noch auf 199.-. Sonst wirkt der Preis künstlich und aus der Luft gegriffen.
Excel-Vorlage herunterladen
Wir haben eine fertige Kalkulations-Tabelle für dich vorbereitet – mit Formeln, Dropdown-Listen für Kategorien und automatischer Überhead-Verteilung.
Handmade-Preisrechner (Excel)
Material, Zeit, Overhead, Marge eingeben → Verkaufspreis automatisch berechnet. Für 10+ Produkte erweiterbar.
Vorlage herunterladen (Platzhalter)Preispsychologie & Kommunikation
Was funktioniert
Preise glatt runden: CHF 249 statt 236.40
"Ab CHF X" für Einstiegsprodukte
Bundle-Rabatt: "Set kaufen & 10% sparen"
Wert kommunizieren: "2.5h Handarbeit, Schweizer Silber, lebenslange Reparatur"
Ratenzahlung anbieten (Twint, Klarna)
Was vermeiden
Preise rechtfertigen ("Weil teuer..." – du schuldest niemandem eine Erklärung)
Mit Discountern vergleichen
Rabatt-Aktionen ohne Kalkulation
"Sonderpreis nur heute" künstlich erzeugen
Preise verstecken ("PM für Preis")
FAQ: Häufige Preis-Fragen
- "Meine Kund:innen sagen, ich sei zu teuer."
- Dann sind es nicht *deine* Kund:innen. Handmade ist nicht für jedes Budget. Bleib bei deinem Preis – die richtigen Kund:innen kommen. Tipp: Ein günstigeres Einstiegsprodukt (z. B. Ohrstecker statt Kette) anbieten.
- "Ich bin noch am Anfang, darf ich weniger verlangen?"
- Deine Kosten (Material, Miete, Versicherung) sind gleich hoch wie bei Profis. Nur deine Effizienz ist geringer. Kalkuliere realistisch, aber setze den Stundenlohn evtl. 10–15% niedriger an – und erhöhe ihn alle 6 Monate.
- "Wie handle ich Custom Requests?"
- Zeitaufwand schätzen × 1.5 (Puffer) × dein Stundenlohn + Material + 20% Ausschuss-Reserve + Marge. Anzahlung 50% bei Auftragserteilung, Rest bei Abholung/Versand.
- "Muss ich MWST ausweisen?"
- Bis CHF 100'000 Umsatz/Jahr: Kleinunternehmer-Regelung → **keine MWST**. Darüber: MWST-pflichtig (8.1% Normalsatz). Siehe Ratgeber "Rechtliches: Kleinunternehmer in der CH".
- "Wie oft Preise anpassen?"
- Mindestens jährlich (Materialkosten, Inflation, Lohnentwicklung). Kommunikation: 4–6 Wochen Vorlauf, Bestandskunden erhalten alten Preis noch 3 Monate.