Für Aussteller

Produktfotografie mit Smartphone: Pro-Fotos ohne teures Equipment

Dein Smartphone ist eine leistungsstarke Kamera. Mit den richtigen Techniken machst du Fotos, die verkaufen – ohne Studio, ohne Profi-Kamera, ohne grosses Budget. Schritt für Schritt zum eigenen Look.

9 Min. Lesezeit

HandmadeFamily Admin Team

Smartphone auf Stativ fotografiert handgemachte Keramikschale mit Tageslicht, Reflektor und sauberem Hintergrund
Dein Smartphone + Tageslicht + ein paar Tricks = verkaufsstarke Fotos

Warum gute Fotos über Erfolg entscheiden

In der HandmadeFamily-Community kaufen Kund:innen nach Augen. Sie können das Stück nicht anfassen, nicht riechen, nicht anprobieren. Dein Foto ist das Produkt.

„Seit ich meine Fotos einheitlich beleuchtet und bearbeitet habe, verkaufe ich doppelt so viel – ohne Preise zu senken. Die Qualität strahlt Wert aus.”

– Sarah, Strickdesignerin & HandmadeFamily-Ausstellerin
  • Vertrauen:

    Scharfe, ehrliche Fotos zeigen: Hier arbeitet jemand professionell.

  • Wahrnehmung:

    Gute Fotos rechtfertigen höhere Preise (Wertigkeit).

  • Teilbarkeit:

    Schöne Bilder werden in Stories geteilt → kostenlose Reichweite.

  • Weniger Rücksendungen:

    Kund:innen wissen genau, was sie bekommen.

Das Mini-Studio: Setup für unter CHF 50

Du brauchst kein Studio. Ein Tisch am Fenster, ein paar Haushaltsgegenstände und dein Smartphone reichen völlig.

Must-Haves

  • Smartphone (beliebiges Modell ab 2019)

  • Tisch am grösstmöglichen Fenster (Nordlicht = ideal)

  • Weisses Papier/Poster A3/A2 als Hohlkehle (CHF 5–10)

  • 2–3 Reflektoren: Weiss (Styropor, Karton), Silber (Rettungsdecke), Schwarz (Karton)

  • Handy-Stativ oder Stapel Bücher (CHF 15–30)

Nice-to-Haves

  • Ringlicht / Softbox (falls kein Tageslicht)

  • Makro-Objektiv-Clip (CHF 10–20)

  • Fernauslöser (Bluetooth, CHF 5)

  • Verschiedene Hintergründe (Leinen, Holz, Beton, farbiges Papier)

  • Requisiten für Lifestyle-Shots (Pflanzen, Stoffe, Werkzeuge)

💡 Pro-Tipp: Das "Lichtzelt" aus dem Haushalt

Ein weisser Karton (z. B. Schuhkarton), Vorderseite aufgeschnitten, innen mit weissem Papier ausgekleidet. Oben und seitwärts Löcher für Licht. Produkt rein, Handy davor → weiche, schattenfreie Ausleuchtung für kleine Schmuckstücke.

Licht: Der wichtigste Faktor

Fotografie heisst "Malen mit Licht". Verstehe Licht, und deine Fotos werden besser als 90% der Konkurrenz.

✅ Tageslicht (Nordfenster)

  • Weich, gleichmässig, farbecht

  • Kostenlos & immer verfügbar (tagsüber)

  • Produkt 45° zum Fenster drehen

⚠️ Direktes Sonnenlicht

  • Harte Schatten, überbelichtete Stellen

  • Farbstiche (warm/kalt)

  • Lösung: Vorhang/Transitpapier als Diffusor

❌ Kunstlicht (Deckenlampe)

  • Farbstich (gelb/grün)

  • Harte Schatten von oben

  • Nur als Notlösung + Weissabgleich

Reflektoren gezielt einsetzen

  • Weiss (Styropor, weisser Karton): 

    Aufhellen der Schattenseite, natürlich

  • Silber (Rettungsdecke, Alufolie): 

    Stärkeres Licht, kühler, mehr Kontrast

  • Schwarz (schwarzer Karton): 

    Schatten vertiefen, Kanten definieren (z. B. bei transparentem Glas)

  • Gold (Rettungsdecke Gold-Seite): 

    Warmes Licht, schön für Schmuck, Holz, Textil

„Ich nutze ein weisses A3-Papier als Reflektor gegenüber dem Fenster. Kostet nichts, wirkt wie ein Profi-Reflektor.”

– Nina, Schmuckdesignerin

Hintergründe: Sauber & markengerecht

Der Hintergrund soll das Produkt tragen, nicht ablenken. Konsistenz über alle Fotos hinweg schafft Wiedererkennung.

Empfohlen

  • Weiss / Hellgrau:

    Zeitlos, für alle Produkte, Shop-Standard

  • Natürliche Materialien:

    Leinen, Holz, Beton, Papier – passend zum Produkt

  • Markenfarbe (dezent):

    Einfarbiges Papier in deiner Brand-Farbe

  • Hohlkehle:

    Papier bogenförmig hochziehen → kein Horizont, unendlicher Hintergrund

Vermeiden

  • Muster, die vom Produkt ablenken

  • Unruhige Texturen (Falten im Stoff, Maserung)

  • Farbkonflikte (rotes Produkt auf grünem Hintergrund)

  • Schattenwurf auf Hintergrund (Lösung: Abstand + Reflektor)

  • Spiegelungen auf Hochglanz-Hintergrund

Tipp: Definiere 1–2 Standard-Hintergründe für deinen Shop und bleib dabei. Für Social Media (Instagram/Stories) darfst du kreativer sein – Lifestyle-Shots mit Requisiten erzählen die Geschichte.

Kamera-Einstellungen & Apps

Standard-Kamera-App (iOS/Android)

  • Gitter einschalten (Einstellungen → Kamera → Gitter) → Drittel-Regel

  • Fokus per Tippen auf Produkt setzen, dann halten (AE/AF Lock)

  • Belichtung nachziehen (Sonne-Symbol nach Tippen verschieben)

  • HEIC/AVIF deaktivieren → JPG (kompatibler für Web)

  • Kein Zoom! (Digitaler Zoom = Qualitätsverlust) → Näher rangehen

  • Porträt-Modus nur bei ausreichend Abstand → Kantenerkennung oft fehlerhaft

Pro-Apps (manuelle Kontrolle)

  • Halide (iOS):

    RAW, Fokus-Peaking, Histogramm, sehr intuitiv

  • Lightroom Mobile (iOS/Android):

    RAW, Fokus-Peaking, Histogramm, sehr intuitiv

  • Open Camera (Android):

    Frei, Open Source, volle Kontrolle

  • ProCam / Camera+ 2:

    Klassiker mit vielen Presets

📸 RAW vs. JPG

RAW speichert alle Sensordaten → maximale Bearbeitungsfreiheit (Weissabgleich, Belichtung, Schatten). Nachteil: Grössere Dateien, Bearbeitungsschritt nötig.

Empfehlung: Starte mit JPG + guter Belichtung. Wenn du regelmässig bearbeitest: RAW + Lightroom Mobile oder Raw-Therapee (gratis).

Die 5 Pflicht-Perspektiven pro Produkt

Kund:innen wollen das Produkt verstehen. Diese 5 Ansichten decken 95% aller Fragen ab:

1. Hero / Main Shot (Frontal, leicht schräg)

Das Titelbild für Shop, WhatsApp, Instagram. Produkt im besten Licht, sauberer Hintergrund, leicht schräg (3/4-Ansicht) für Plastizität.

2. Detail / Makro (Nah dran)

Textur, Nähte, Glasur, Gravur, Materialstruktur. Zeigt Qualität → rechtfertigt Preis. Makro-Modus oder Clip-Objektiv.

3. Grössenvergleich (In Hand / neben Alltagsobjekt)

Hand, Münze, Lineal, Kaffeetasse, Notizbuch. Vermeidet "Oh, ich dachte, er wäre grösser/kleiner".

4. Rückseite / Unterseite / Innenansicht

Verschluss, Boden, Futter, Rückseite der Kette. Ehrlichkeit baut Vertrauen. Bei Schmuck: Stempel, Verschlussart zeigen.

5. Lifestyle / In Use (Kontext)

Getragen, benutzt, im Raum stehend. Emotion & Grössengefühl. Für Instagram/Stories, nicht zwingend Shop-Hauptbild.

📋 Checkliste vor dem Shooting

  • Produkt gereinigt (Mikrofasertuch, Druckluft für Staub)

  • Hintergrund gebügelt / glatt gestrichen

  • Licht getestet (Testfoto, Histogramm prüfen)

  • Smartphone geladen + Speicherplatz

  • Objektiv gereinigt (Brillenputztuch!)

Bearbeitung: Einheitlicher Look

Bearbeitung heisst nicht "verfälschen" – sondern "optimieren, damit das Foto der Realität entspricht". Ziel: Alle Bilder sehen aus wie aus einem Guss.

Basis-Korrektur (jedes Foto)

  • Weissabgleich:

    Neutral (Graukarte oder weißer Bereich im Bild)

  • Belichtung:

    Histogramm prüfen → keine ausgefressenen Lichter

  • Kontrast + Klarheit:

    Leicht anheben (Produkt "poppt")

  • Schatten aufhellen:

    Details in dunklen Bereichen sichtbar machen

  • Schärfen:

    moderat (Radius 0.5–1.0, Menge 25–50)

  • Zuschneiden:

    Einheitliches Seitenverhältnis (1:1 oder 4:5 für Instagram, 3:4 für Shop)

Tools (kostenlos / günstig)

  • Lightroom Mobile:

    Kostenlos (Basisfunktionen), Presets syncen, RAW

  • Snapseed (Google):

    Völlig kostenlos, selektive Korrekturen

  • Gimp:

    Allgemeine Bearbeitung, Aussschnitte (kostenlos, PC/Mac/Linux)

  • Raw Therapee:

    Farbkorrektur, RAW-Fotos (kostenlos, PC/Mac/Linux)

  • Canva:

    Online-Tool für Collagen, Stories (Abo-Modell)

  • Remove.bg / Photoroom:

    Hintergrund automatisch entfernen (für weissen Shop-Hintergrund)

  • Lightroom Mobile:

    Kostenlos (Basisfunktionen), Presets syncen, RAW

🎨 RAW-Fotos: Preset erstellen = Zeit sparen & Konsistenz

Bearbeite in einem Referenzfoto perfekt. Speichere die Einstellungen als Preset (Lightroom/Raw Therapee) / Rezept (Snapseed). Wende es auf alle weiteren Fotos an → Einheitlicher Look in Sekunden.

Wichtig: Weissabgleich & Belichtung pro Foto kurz prüfen – Lichtverhältnisse schwanken.

Workflow: Effizient & konsistent

Routinen machen den Unterschied. So fotografierst du eine Kollektion in 30 Minuten:

  1. Vorbereiten (abends):

    Produkte reinigen, Hintergründe bügeln, Reflektoren bereitlegen, Handy laden.

  2. Licht-Check (morgens):

    Testfoto, Weissabgleich setzen, Preset laden.

  3. Serienweise fotografieren:

    Alle Hero-Shots, dann alle Details, dann alle Grössenvergleiche → Setup nicht ständig umbauen.

  4. Sofort sichten:

    Auf Handy löschen, was unscharf / schlecht belichtet ist. Nicht erst am PC.

  5. Batch-Bearbeiten:

    Preset anwenden, Weissabgleich/Belichtung pro Bild 10 Sek. justieren, exportieren.

  6. Benennen & Ablegen:

    ArtNr_Name_1_Hero.jpg, ArtNr_Name_2_Detail.jpg → Ordner für Shop & Social Media.

„Ich fotografiere immer sonntags 10–11 Uhr am Küchenfenster. Gleiches Licht, gleiche Laune, gleiche Qualität. Routine schlägt Inspiration.”

– Maria, Keramikerin

Häufige Fehler vermeiden

Unscharf / Fokus falsch

Fokus auf wichtigstes Detail (Auge beim Schmuck, Textur bei Keramik). Tippen & Halten (AE/AF Lock).

Farbstich (gelb/blau)

Weissabgleich korrigieren (Graukarte oder Lightroom Pipette auf weißen Bereich).

Spiegelungen (Glas, Metall, Hochglanz)

Polfilter-Clip (CHF 15), schwarzer Karton reflektieren, Position ändern, Zelt nutzen.

Schiefer Horizont / krumme Kanten

Gitter einschalten, ausrichten. In Bearbeitung: "Upright" / Geradeziehen.

Zu viel Bearbeitung (Filter-Look)

Natürlich bleiben. Kund:innen erkennen überbearbeitete Fotos → Vertrauensverlust.

Inkonsequente Grössen/Seitenverhältnisse

Export-Vorlage definieren (z. B. 2000px längste Kante, 1:1 quadratisch).

Produkt KI-generiert

Das Produkt selbst ist durch KI zu stark verändert. Ein Hintergrund ist ok, alles andere bemerken die meisten Kunden.

Hintergrund künstlich ersetzt

Hintergrund immer durch Bild mit ähnlichem Licht und gleicher Perspektive ersetzen. Ansonsten lieber den original-Hintergrund beibehalten.